Tagebuch eines Nienstädters über den Austausch mit seiner in Suny in der Ukraine eingeschlossenen Ehefrau

27. März 2022

(14:36 Uhr)

„Kätzchen - wie geht’s dir dort? Bei uns liegt Schnee.“

Ich war mir nicht ganz sicher, ob das eine gute Nachricht ist. So weit ist es gekommen. Meine Kurse sind bei der ersten Schneeflocke am Fenster. Ich sagte, dass es mir gut geht.

(18:52 Uhr) „Mir geht’s auch gut.“

Und sie zeigte mir über einen Link ein schönes Kleid in Blau und Gelb, den ukrainischen Farben.

„Schade, dass es von solchen Kleidern nur wenige gibt. Das haben sie schön entworfen.“

Ich sagte, dass es vermutlich der Anfang einer Kollektion ist. Es ist wirklich schön. Wenn sie hier ankommt, soll sie es bekommen.

28. März 2022

(21:30 Uhr)

„Rings um die Stadt finden Kämpfe statt, aber die Stadt selbst beginnt wieder zu leben.“

(21:40 Uhr)

„Kätzchen, du hast vermutlich gehört, dass man sagt: Wenn es Sumy nicht gegeben hätte, dann wäre die Hälfte von Kiev schon weg.

Russische Soldaten waren in der Stadt gleich am ersten Tag, direkt im Zentrum, viel Militärgerät, sie alle hat man von dort vertrieben.“

Ich kommentiere das an dieser Stelle. Meine Frau weiß, dass ich mich über verschiedene Kanäle informiere. Es war nicht die ukrainische Armee. Die hat für Sumy nicht riskiert, eingeschlossen zu werden. Die bewaffneten Bürger der Stadt haben die Russen aus der Stadt gejagt. Auf ukrainisch gibt es dazu Berichte. In die Stadt sind russische Truppen seitdem nicht mehr gekommen.

„Du weißt, dass ich jeden Tag um Sumy bange, weil Sumy bis jetzt nicht aufgegeben hat. Ich hoffe jeden Tag, dass unseren Kämpfern die Kraft zum Widerstand reicht.“

Sie berichtet noch über ein Erlebnis mit ihrer russischen Tante 2014.

(22:49 Uhr) „Als sie von der Ukraine die Krim wegnahmen, verstand ich wenig von Politik, aber ich war sehr aufgebracht und habe gesagt, dass so etwas absolut nicht in Ordnung ist. Und dazu meinte meine Tante, dass ich Nationalistin sei. Aber vielleicht versteht sie nicht, dass ihr eigenes Verhalten nationalistisch ist.

Aber ich verstehe auch nicht, wie die Russen es nennen: Warum stört es sie, dass wir nicht Russen sein wollen?

Sie meinen, dass alle glücklich sein müssten, Russen sein und in Russland leben zu können.“

Ich möchte dazu ergänzen, dass ihre Eltern nach wie vor in Luhansk leben. Seit Jahren bearbeitet ihre Tante, die Schwester ihrer Mutter, aus Russland ihre Eltern, doch endlich mal einen russischen Pass zu beantragen. Seitdem sie gehört hat, dass es möglich sei, liegt sie ihnen damit in den Ohren. Sie kann gar nicht verstehen, wie man das ablehnen kann. So wird es vielen Menschen in Russland gehen.

(22:53 Uhr)

„Warum versuchen sie die ukrainische Sprache zu verbieten, russische Rubel einzuführen, ihre Flagge aufzupflanzen?

Warum wird in unabhängigen Staaten, um die sie sich angeblich sorgen, alles Russische aufgezwungen?

Ihnen geht es nur ums Territorium für ihre schmutzige Sache.

Ich weiß, dass die meisten ihrer Leute so sind wie ihre Regierung.

Meine Tante war auch überrascht, warum wir nicht russische Pässe haben wollten, obwohl meine Eltern ihnen (sie schrieb ihnen, nicht ihr: vermutlich ein Strang von Verwandten) erklärt haben, was im Land passiert.“

Auch diese Erklärungen richtete meine Frau an mich. Ich habe mich aber entschieden sie zu veröffentlichen. Ich halte es nicht für eine Familienangelegenheit. Es erklärt vielmehr, wo die Grenzen verlaufen: Familien, die eigentlich russische Wurzeln haben, bekennen sich zur ukrainischen Identität. Die Teile derselben Familie, die weiterhin in Russland leben, haben kein Verständnis dafür, dass es eine ukrainische Identität überhaupt geben kann. Und wir reden hier vom russischsprachigen Teil der Ukraine, in dem die russische Offensive steckengeblieben ist – und das ganz maßgeblich am Widerstand der Bevölkerung wie in der Stadt Sumy. Statt Brot und Salz haben die Bürger Blei und Bayraktar für die angeblichen Befreier.

Meine Frau berichtet über Luhansk, wo sie aufgewachsen ist und bis 2014 gelebt hat:

(22:58 Uhr) „Sie können die Information absolut nicht akzeptieren, dass man bis zum Einzug des russischen Friedens Luhansk und Donezk sehr gut leben konnte. Aber jetzt haben sie es schlicht degradiert und überhaupt nichts ist dort noch in Ordnung. Als wenn sie eifersüchtig wären, dass bei uns die einfachen Leute besser leben.“

Ich kann aus eigener Erfahrung aus den Jahren 2009 bis 2014 berichten und bestätigen, dass die Stadt einen angenehmen Eindruck auf mich gemacht hat. Damals dachte ich, dass ich vielleicht in Luhansk eine Sprachschule gründen könnte. Heute unvorstellbar. Die Stadt ist wirklich heruntergekommen durch ihre „Befreiung“. Und das war eine friedliche Stadt, bis Russland behauptete, sie wäre es nicht und sie müsste befreit werden. Ich war selbst dort, als es losging. Ich kam mit einem der letzten Busse heraus. Meine Freunde bestanden darauf, dass ich die Stadt verlasse. Sie sind jetzt selbst nicht mehr dort. Aber einer von ihnen hat damals schon gegen die Russen gekämpft. Ob er heute noch lebt, weiß ich nicht. Ich habe keinen Kontakt mehr. Vassya (Vasilij) hat als Dolmetscher gearbeitet, für mich eher als Taxifahrer. Seine Frau war Dozentin an der Universität Luhansk.

Meine Frau berichtet von weiteren Erlebnissen mit ihrer russischen Verwandtschaft und Bekannten:

„Nun, und wie alle Russen lachten, als Europa der Ukraine die Visa-Pflicht erließ! Sie sagten, dass sie es innerhalb eines Monats zurücknehmen würden.“ (Smiley: Sie schlägt die Hand vor ihr Gesicht.)

(23:36 Uhr) „Morgen sollen in der Stadt wieder Marschrutkas fahren.“

(Das sind die üblichen Kleinbusse für den Stadtverkehr.)